Pressestimmen
Hilfe, das Volk kommt!
Die Kriegsberichterstatterin * Lehrernacht * Black Comedy * King Kongs Töchter
Top Dogs * Hysterikon * Medea bleibt * Toscana Therapie * Gäste * Tango
Pressestimmen zu "Hilfe, das Volk kommt!":
Am 28. 10. 2011 in der „Schwäbischen Zeitung”, Laupheim
Theater „Katafalk” spielt in Schäfers Kulturstadel „Hilfe, das Volk kommt”
Von Roland Ray
WAIN – Schrill, grotesk, provokativ: Das sind Markenzeichen des italienischen Autors Dario Fo. In seinen Bühnenstücken wirft er ein Schlaglicht auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, seziert und geißelt sie mit den unterschiedlichsten Mitteln. Das reicht von Satire bis Revue, von volkstümlich bis absurd.
Das Theater „Katafalk” hat ein Faible für solche Stoffe. Die neuste Inszenierung der ambitionieren Hobbyschauspieler, Fos politische Farce „Hilfe, das Volk kommt”, war jetzt in Schäfers Kulturstadel in Wain zu sehen. Wir ziehen schon allein deshalb den Hut, weil es dem Ensemble gelingt, aktuelle Bezüge zuhauf in das Stück von 1993 einzuflechten.
Obschon: Was hat sich seit damals eigentlich geändert? Wird sich manches überhaupt je ändern? Korrupte Politiker, bestechliche Beamte, organisiertes Verbrechen, skrupellose Wirtschaftsbosse: alles sattsam bekannt. Unter der Regie von Bernd Köhler präsentieren die Schauspieler ein Panoptikum der Sündenfälle, Machtgelüste, Eitelkeiten. Das größte Verdienst ihrer Spielkunst aber ist, dass der Zuschauer staunend gewahr wird: Im richtigen Leben geht es mindestens genauso übel zu – nein, noch viel schlimmer. „Der Irrwitz der politischen Realität und des Theaters müssen sich gegenseitig mehr übertrumpfen”, lässt Fo den Regisseur in seinem Stück fordern. In Zeiten raffgieriger Spekulanten, taumelnder Volkswirtschaften und sexsüchtiger Ministerpräsidenten kann das Urteil nur lauten: Die Wirklichkeit siegt.
Und zwar unabhängig davon, wer gerade am Drücker ist. Das verdeutlichen die fliegenden Stil– und Rollenwechsel auf der als Wohnzimmer dekorierten Stadelbühne. Fo zeigt die Handlung, die um einen von der Mafia bedrohten italienischen Richter und putschende Geheimdienstler kreist, auf zweierlei Art, als Realsatire und im Stil des Boulevard. Ob der Richter beherrscht–gediegen daherkommt (Rudolf Renner) oder exaltiert–verklemmt (Didier Schniegel mit Wiener Schmäh in der Stimme, ein subtiler Seitenhieb auf die aktuellen Korruptionsfälle in der Alpenrepublik) – er hat Schwarzgeld gehortet. Als ein Blutbad im Parlament das Land ins Chaos stürzt, veranstalten Juristen, Polizistinnen, Agenten, ein Finanzfahnder und eine Sensationsreporterin einen Leichenschmaus – prassend geht die Welt zugrunde. Und als ein Kronzeuge (das Volk?) angeschossen wird, operiert ihn der Richter zwischen Tellern und Gläsern, hinter einem großen weißen Tuch, das die Szene zum schnitterhaften Schattenriss macht, mit Medikamenten, die „sogar in Somalia” verboten sind. „Ist der OP–Tisch nicht etwas zu kurz?”, fragt einer, und der Sog der Assoziationen tut seine Wirkung: Reicht der Euro–Rettungsschirm am Ende vielleicht auch nicht? Weh euch, ihr Schwindler und Betrüger in den Chefetagen, das Volk kommt! Aber kann das noch von Nutzen sein? Das lässt „Katafalk” durchaus offen.
Ein pralles, amüsantes wie verstörendes Stück, in dem sich gar der Papst als moralischer Komplize des Niedergangs outet und abtritt; eine temperamentvolle Inszenierung mit enorm wandlungsfähigen Akteuren. Enorm sehenswert!
Am 25. 10. 2011 in der „Südwest Presse”, Regionalausgabe Illertal
Polit-Skandale wie in Italien
Turbulentes Theaterstück „Hilfe, das Volk kommt” zeigt Parallelen
VON HELMUT FRANK
Der Italiener Dario Fo, ein heute 85-jähriges kulturelles Enfant terrible, hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder in seinen verschiedenen Funktionen als Theaterautor, Regisseur, Bühnenbildner, Erzähler, Komponist, Satiriker und Schauspieler für Skandale gesorgt. 1997 erhielt er den Literatur- Nobelpreis für sein volkstümlich- politisches Agitationstheater. Seine politische Farce „Hilfe das Volk kommt” ist eine perfekte Synthese all seiner skurrilen Ideen.
Nur ein sehr engagiertes und gut funktionierendes Ensemble kann dieses teilweise verwirrende Stück glaubwürdig auf die Bühne bringen. Die Theatergruppe „Katafalk” aus dem Raum Tübingen/Reutlingen wurde diesen Vorgaben voll gerecht und spielte in hervorragender Weise gemäß den Aussagen auf ihrer Homepage „... entspricht unser Stil nicht der allgemeinen Unterhaltungs- und Berieselungsnorm, sondern stellt einen gewissen Anspruch an unsere Zuschauer.”
Das Publikum im gut besuchten Schäfers Kultur Stadel erlebte ein Feuerwerk grotesker, toll einstudierter, aber auch spontan improvisierter Szenen, die mit wiederholten Überblendungen zwischen nachgespieltem realem Geschehen und fiktiven satirisch überzeichneten Gedankenspielen durchsetzt waren. Manche Szenen wurden als von einem Regisseur begleitete Theaterprobe inszeniert mit plötzlichen Rollenwechseln und vorher nicht festgelegten Dialogen. So entwickelte sich ein facettenreiches Zerrbild der italienischen Skandalrepublik – Mafia, Berlusconi, Richter, Anwälte, Industrielle und korrupte Journalisten – alle bekamen ihr Fett weg. Immer wieder wurden scheinbar zusammenhanglos Namen oder Ereignisse in den Text eingestreut, die zeigten wie nah unser eigenes Land den italienischen Verhältnissen ist. Korruption bei großen Bauvorhaben (Stuttgart 21), gegenseitige Beschimpfungen (Pofalla), die übergroße Macht der Banken oder unfähige Politiker, die den Volkswillen missachten.
Über allem schwebte gewissermaßen die Maxime von Fo: „Der Irrwitz der politischen Realität und der Irrwitz des Theaters müssen sich gegenseitig übertreffen.” Ob im Nachspielen eines geplanten Autobomben-Attentats auf einen hohen Richter, der Razzia eines Finanzpolizisten, der dabei zu Tode kommt oder bei improvisierten Fernseh-Nachrichten oder Rundfunkdurchsagen, die von einem fiktiven Staatstreich und dem Rücktritt des Papstes berichten – stets muss das Publikum auf Überraschungen, ekelerregende Szenen oder hitzige Redeschlachten gefasst sein.
Als sich das politische Chaos ins Unermessliche zu steigern schien, beendeten die Schauspieler abrupt ihr Spiel und begannen eine hitzige Diskussion über einen sinnvollen Schluss des Stückes. Muss man die Zuschauer zum Aufstand gegen die mafiösen Strukturen in Politik und Staat anstacheln? Am Ende blieb alles offen - ganz im Sinne von Dario Fo.
Fazit: Es war ein eindrucksvoller Theaterabend in Wain, für den Theo Kobler das bestens disponierte Ensemble „Katafalk” in Schäfers Kulturstadel eingeladen hatte.
Pressestimmen zu "Die Kriegsberichterstatterin":
Am 1. 11. 2010 in der „Schwäbischen Zeitung”, Laupheim
Wenn die Dritte Welt in den Garten einfällt
VON ROLAND RAY
Früh kündigt sich an, dass der Abend einen unerwarteten Verlauf nehmen wird. „In der Hecke saß ein großes Tier”, glaubt einer der Gäste von Bernd Fütterer beobachtet zu haben. Selbiger, Direktor eines ominösen Sprachinstituts, hat seine Mitarbeiter zum jährlichen Sommerfest in seinen Garten geladen.
Auf dem Rasen tummelt sich ein intriganter Kleinbürgerhaufen, zerteilt in Seilschaften, Feindschaften, Liebschaften, angefressen von Missgunst und Verunsicherung. Benn Kobler gibt einen selbstgefälligen Direktor, er bramarbasiert über die Köpfe aller hinweg, hält sich für unersetzlich („ich selbst wollte auch nicht nach mir kommen”). Die Untergebenen hängen an seinen Lippen, krampfhaft bemüht, an der richtigen Stelle zu lachen: die aufgekratzte Iris (Waltraud Balmer sprudelt proseccogetrieben wie ein Wasserfall); der Herr Jossi von drüben (in Achherrje-Achherrje-Manier: Axel Kösters); sein Intimfeind Herr Sommer (Hans Rommel als scharfzüngiges Nervenbündel); die Praktikantin Olga (Anja Landenberger versprüht russische Seele); der zackige Herr Kanopke Rudolf Renner). Nicht zu vergessen Robert Mückenmüller: Didier Schniegel spielt diesen Fatzke, der grob ist zu seiner Frau (Tanja Mock als Heimchen, das nach Alkoholgenuss aufdreht und sich emanzipiert) und aus dem Stegreif erklärt, wie er die angehäuften Wortschätze des Instituts schützen will: mit elektronisch gesteuerten Schlüsseln und Türen, die den Fundus auf Festplatten zur Festung machen.
Das Amateur-Ensemble „Katafalk” spielt eindringlich, mit großer Präzision und sicherem Gespür für Stimmungen, die stetig wackliger werden. Denn plötzlich tritt die Unbekannte durch die Hecke, in Lumpen, und berichtet vom Krieg, der in den Nachbargärten tobt. Bärbel Schwerdts Augen irrlichtern, sie spricht in Menetekeln wie eine griechische Seherin. Das irritiert die eitlen Hanswurste, die sich instinktiv gegen sie verbünden, indes ihre Hahnenkämpfe umso heftiger austragen, und gibt sie vollends der Lächerlichkeit preis.
Der Regisseur Bernd Köhler zeichnet ein scharfes Bild zweier Welten, das den Betrachter zum Interpretieren einlädt. Die Festgesellschaft mutet wie eine Festung Europa an, die es vorzieht, keine Notiz zu nehmen von Not und Elend in der Welt und die Schotten dicht macht gegen Flüchtlingsströme. Die Ignoranten in dieser Festung sind pikiert, „wenn sich mitten im Garten so eine Dritte Welt aufbaut”; sie verlieren die Balance, wenn das Unwetter näher kommt; sie wähnen sich unbeobachtet (Gobelintüll täuscht eine mit Gardinen bestückte Fensterfront vor, die die Figuren dahinter gleichsam abstrahiert) und beobachten mit einer Mischung aus Abscheu und Verunsicherung, wie die Fremde im Freien einen Wolkenbruch überdauert.
Wird, wer im Warmen sitzt, die Frierenden je verstehen?
Am 23. 11. 2010 in der „Südwest Presse”, Regionalausgabe Illertal
Wenn Mitarbeiter „tot gelobt” werden
VON JOHANNES BRAUN
Gartenpartys gelten gemeinhin als unterhaltsam, wenn auch oberflächlich. Der Hang zur Bedeutungslosigkeit der Gespräche erhöht sich noch, wenn sich Mitarbeiter einer Firma treffen, die ansonsten privat eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Dann werden in „Small talks” bestenfalls Belanglosigkeiten ausgetauscht. Jeder wahrt den Schein, keiner will sich eine Blöße geben.
Diese Stimmung verbreitete auch das Theater „Katafalk”, als es im Wainer Kulturstadel „Die Kriegsberichterstatterin” aufführte. Der Direktor eines Sprachinstituts lud seine Mitarbeiter zu einer solchen Gartenparty ein, um wieder einmal den Mitarbeiter des Jahres zu küren. Doch die Kollegen sind sich nicht wirklich grün: hier eine versteckte Spitze, dort ein kleiner verbaler Hieb. (...)
Mitten in diese skurrile Oberflächlichkeit platzte die „Kriegsberichterstatterin” hinein. Matt und fassungslos erzählte sie von den Kriegen in den Gärten der Nachbarn, ohne dabei allerdings Details preis zu geben. Zunächst machten sich die Mitglieder des Instituts lustig über den Eindringling und die Kriegsgeschichten. Doch nach und nach stürzten die menschlichen Fassaden in sich zusammen, und der Krieg in des Direktors Garten tobte.
Dieses Kippen des Theaterstücks von Autorin Theresia Walser vom Komödiantischen zum Absurden vollzogen die Darsteller des Theater „Katafalk” mit spielerischer Leichtigkeit. Aus den versteckten Spitzen wurden offene Stiche, aus den kleinen Hieben echte Keulenschläge. Menschliche Klüfte zeigten sich: Seilschaften wurden mit Feindschaften konterkariert, Misstrauen mit Neid und heimliche Liebschaften mit Zukunftssorgen. So gelang Regisseur Bernd Köhler mit seinen zehn Darstellern eine starke Umsetzung des schweren Stoffs, der die Besucher im bis auf den letzten Platz gefüllten Kulturstadel zum Nachdenken über Kleinkriege und wirkliche Kriege anregte - auch und vor allem im eigenen Garten...
Pressestimmen zu "Lehrernacht":
Am 27. 11. 2009 in der „Südwest Presse”, Regionalausgabe Dietenheim
Spiegel des eigenen Selbst
Theater „Katafalk” gibt umjubeltes Gastspiel „Lehrernacht” im Kulturstadel
Donnernden Applaus bekamen die Schauspieler der Tübinger Theatergruppe „Katafalk” für „Lehrernacht” von Bodo Kirchhoff. Es geht um das Verhältnis Schüler und Lehrer, eine stets besondere Beziehung: Scheinbar ist es nur ein Arbeitsverhältnis mit klar definierten Autoritäten. In der täglichen Realität der Schulen erkennt man aber schnell ein zermürbendes Aufeinander von Frust, Wut und Enttäuschungen. Wohl, weil die Erwartungen an den jeweils anderen nie in Gänze erfüllt werden.
Genau um diesen Blick in die eigenen Abgründe, geht es Bodo Kirchhoff mit seiner „Lehrernacht”. Die Lehrertypen, die an diesem kalten Winterabend nach und nach im Konferenzraum des Tübinger Hölderlin-Gymnasiums erscheinen, verkörpern prägnant die markanten Charaktere der Lehrermannschaft. Und schrammen nur knapp an den gängigen Pädagogen-Klischees vorbei: Eine moralinsaure, gestrenge Direktorin, gespielt von Traudel Gerstlauer, den Technik affinen Biologielehrer (Rudolf Renner), der in der Natur keine Zufälle vermutet, den linksliberal, versnobten Geschichtslehrer (Axel Kösters), die modisch-freakige Junglehrerin, Generation Facebook (Anja Landenberger), die berufstätige, Dauer gestresste Mutter (Waltraud Balmer), die Dritte Welt-Feministin (Tanja Möck), ihr Alt-68-er Ehemann mit BMW (Benn Kobler) und der naive Sportlehrer, der von Didier Schniegel gespielt wird.
Sie alle sollen in dem Raum mit nicht funktionierender Heizung einen schwierigen Fall klären. Hat der selbstbewusste Schüler-Beau Viktor Leysen aus gutem Hause seine schöne Mitschülerin Tizia nach einer Theaterprobe vergewaltigt? Wenn es so war, muss der Abiturient dann von dem altehrwürdigen Gymnasium verwiesen werden? Eigentlich scheint die Entscheidung schon nach wenigen Minuten klar. Schließlich, so meinen Rektorin und das Gros der Lehrerrunde, handele es sich doch ganz offenkundig um die Erniedrigung einer Schülerin, die sich nach dem Gewaltakt vertrauensvoll an die Schulleitung gewandt habe.
Eine Sicht der Dinge, die sich ändert, als der schwer erkältete, neunte Lehrer des Kollegiums, der Philosoph Dr. Roman Branzger (Hans Rommel) mit überraschenden Erkenntnissen aufwartet. Wie es den Kollegen mit der Tatsache gehe, dass die vergewaltigte Schülerin ihren Vergewaltiger im Vernehmungsprotokoll mit einem Kosenamen bedacht habe, fragt er in die Runde. Die hat sich zuvor erwartbar über Erkennungsmerkmale von Vergewaltigungen, Mitschuld und männliche Dominanz gestritten. Der Fein geistige, rede gewandte Branzger vermutet dagegen, dass hinter der Anzeige von Tizia Enttäuschung steckt.
Aus der anfänglichen Entrüstung der Lehrerkollegen wird nun ein Paradigmenwechsel. Plötzlich spricht die Frauenaktivistin über eine Jahre zurück liegende Vergewaltigung in Afrika, auf einmal räumt der Welt läufige Geschichtslehrer ein, wie schön er die Tizia findet. Und der eloquente Philosophielehrer bricht nun mit dem Geheimnis, dass der schöne, unter Verdacht stehende Schüler ihn Romy nennt — in Anspielung auf seine Homosexualität.
Wie geht Autorität, wenn einem der eigene Schüler schmeichelt? Wie geht Neutralität, wenn man die Unabhängigkeit eines Schülers bewundert und zugleich beneidet? Wie geht der Umgang mit einer selbstbewussten Schülerin, wenn man seine eigene Sexualität vor allem als Erniedrigung erlebt? Schwere Kost, die der Katafalk-Regisseur Bernd Köhler mit witzigen Verschnaufpause bewundernswert eindringlich in Szene setzt.
Man nimmt den Akteuren ihre Zerrissenheit ab. Die Versuche, die eigene Fassade zu retten, scheitern allesamt, nicht zuletzt, weil sie von der Schwere der Ereignisse zunichte gemacht werden. Den anderen etwas vor zu spielen, das geht im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr. Schließlich befreien sich einige Lehrer von ihrer Zerrissenheit, andere bleiben versunken in ihrem Gefühlsdschungel, den der Schüler bei ihnen ausgelöst hat.
Wenn es so hervorragende Schauspieler wie die Katafalken sind, die einem dieses durchaus schmerzhafte Prozedere mit viel Können vorspielen, könnte die Selbstreflexion in Zukunft womöglich leichter fallen. Zumal die Gerichtsrunde zu keiner einstimmigen Entscheidung kommt. Es bleiben Fragen: Wer stand nun eigentlich vor seinem Richter? Der Schüler oder die Lehrer?
Am 24. 11. 2009 in der „Schwäbischen Zeitung”, Leutkirch
Die Richter durchwandern das eigene Ich
LAUPHEIM Des Menschen Urteil über andere spiegelt immer auch eigenes Erleben, eigene Sehnsüchte und Enttäuschungen. Der Dramatiker Bodo Kirchhoff thematisiert dies in seinem Stück „Lehrernacht”, mit dem das Theater „Katafalk” am Samstag in Laupheim brillierte.
Von unserem Redakteur Roland Ray
Lehrerkonferenz ist ein drögeres Szenario vorstellbar? Bei Weitem, denn kaum betreten die neun Pädagogen die Bühne, steigen vor dem geistigen Auge des Zuschauers Bilder auf: Den einen oder anderen Typ Lehrer kennt man aus der eigenen Schulzeit, zum Glück oder zur Genüge. Welch unverhofftes Wiedersehen!
Der „Katafalk”-Regisseur Bernd Köhler spielt wirkungsvoll mit den Charakteren. Die Rektorin (Traudel Gerstlauer) ist ganz bleierne Verantwortung, der Biologe (Rudolf Renner) denkt bevorzugt in Naturgesetzen, der Geschichtslehrer vom Schlag Toskana-Fraktion (Axel Kösters) schwankt zwischen jovialer Liberalität und beißender Ironie. Anja Landenberger gibt eine fesche Junglehrerin, Tanja Möck die schnippische Emanze, Benn Kobler den ermatteten Alt-68er. Waltraud Balmer verkörpert die überforderte Lehrerin-Mutter-Ehefrau und der Lokalmatador Didier Schniegel ein bajuwarisches Mannsbild. Sie sollen an einem Winterabend (die Heizung, wie könnte es anders sein, streikt) in einem delikaten Fall entscheiden: Hat der Schüler Victor Leysen nach der Theaterprobe seine Mitschülerin Tizia vergewaltigt? Muss er der Schule verwiesen werden?
Eindeutig scheint der Fall keineswegs, manches deutet auf eine shakespearehafte Verwicklung: halb zog er sie, halb sank sie hin. Die Pädagogen umkreisen den Fall, bis der Neunte im Bunde, Dr. Roman Branzger (gespielt von Hans Rommel), die Diskussion mit seinen Einwürfen unversehens auf eine andere Ebene hebt. Reihum bröckeln nun die Fassaden, gescheiterte Lebensentwürfe brechen auf, individuelle Einsichten, Ängste, Affären und Wunden beim Thema Sexualität beeinflussen die Urteilsfindung.
„Der Mensch ist mehr als Biologie”, hält Branzger seinen Kollegen entgegen und erinnert mit Wehmut an jugendliches Ungestüm und an die Macht des Verlangens: „Liebe hält sich an keine Gesetze, keine Regeln, kein Geschlecht auch nicht an dieser Schule.” Und wie objektiv kann man sein, wenn man sich von Victor Leysen als Frau geschmeichelt fühlt wie die Rektorin, seine Unangepasstheit bewundert oder selbst Opfer einer Vergewaltigung war?
Immer tiefer tauchen die neun Lehrer in ihr eigenes Seelen-Labyrinth ein, selbstquälerisch und selbstbefreiend zugleich. Das Theater „Katafalk” nimmt sein Publikum mit auf diese Reise, an einem nach vorn geneigten, hinten erhöhten Tisch, der einen stets ungehinderten Blick auf alle Akteure erlaubt. Kein einfacher Stoff, der freilich durch Situationskomik und Lehrerklischees durchbrochen wird, die Raum zum Durchschnaufen lassen. Ein Stoff, der zum Nachdenken anregt über das eigene Konditioniertsein.
Die „Katafalken”, im Brotberuf durchweg Pädagogen, erzählen die Geschichten hinter der Geschichte in packender Manier. Mit „Lehrernacht” stellen sie einmal mehr ihre Vielseitigkeit und ihr enormes schauspielerisches Potenzial unter Beweis.
Interview am 14. 11. 2009 in der „Schwäbischen Zeitung”, Leutkirch
Lehrer spielen Lehrer - eine Rolle mit Tiefgang
SZ-Interview LAUPHEIM (bb) - Zum vierten Mal spielt das Theater „Katafalk” in Laupheim. Das Ensemble besteht aus lauter Pädagogen und Lehrern. Didier Schniegel, der am Carl-Laemmle-Gymnasium unterrichtet, ist schon seit mehreren Jahren mit von der Partie. Bei der aktuellen Inszenierung, die am 21. November in der CLG-Aula zu sehen ist, haben sich die „Katafalken” auf ungewohnt gewohntes Terrain begeben: Das Stück trägt den Titel „Lehrernacht”.
SZ: Herr Schniegel, in diesem Jahr dreht sich im Stück alles um Lehrer. Ist das eher schwieriger oder leichter, seinen eigenen Berufsstand darzustellen?
Schniegel: Das Theater „Katafalk” hat in den vergangenen zehn Jahren schon neun Stücke aufgeführt. Die Thematik „Lehrer” haben wir immer weit von uns geschoben; wir wollten was anderes machen. Bisher waren das skurrile Stücke oder auch mal eine Komödie, meist aber Gesellschaftskritisches mit einer gehörigen Prise schwarzen Humors. Das Stück „Lehrernacht” von Bodo Kirchhoff hat uns aber fasziniert, obwohl es um die Schule geht.
Ist es eine Komödie wie die „Pauker-Filme” der 60er-Jahre?
Nein, es handelt sich um ein ernstes Stück mit Tiefgang. Am Anfang werden natürlich die üblichen Klischees bedient, die den Lehrerstand umgeben, aber diese Fassade bricht dann auf und man begegnet den Menschen, die dahinterstecken.
Verraten Sie uns etwas zum Inhalt?
Das Stück ist ungefähr aufgebaut wie der Film „Die zwölf Geschworenen”. Neun Lehrer sitzen Gericht in einer Schulkonferenz und sollen klären, ob der Schüler Viktor seine Mitschülerin Tizia wirklich vergewaltigt hat. Zuerst kommt jeder mit einer vorgefertigten Meinung daher und will möglichst schnell nach Hause, aber nach und nach drängen die eigenen Enttäuschungen ans Tageslicht; gescheiterte Lebensentwürfe brechen auf, und es kommt zu Outings im Kollegium.
Ist es schwierig, als Lehrer einen Lehrer darzustellen?
Das war gar nicht mal so schlimm (lacht). Gerade auch, weil hier Menschen und nicht Marionetten dargestellt werden. Aber man muss schon die Figur gegen den Strich bürsten, um am Anfang die Klischees zu bedienen, bevor man in die Tiefe geht.
Können Sie sich mit Ihrer Figur identifizieren?
Ich spiele einen relativ dumpfen Sportlehrer. So bin ich nicht; persönlich würde ich mich da in Grund und Boden schämen. Aber in der Rolle macht es auch Spaß, mal über die Stränge zu schlagen. Trotzdem legt man natürlich immer ein Stück seiner Persönlichkeit mit hinein.
Die ersten Aufführungen sind bereits vorbei. Wie waren die Publikumsreaktionen?
Sehr gut. Nach der Aufführung haben einige gesagt: „Genau so einen Lehrer hatte ich auch.” Und die jugendlichen Zuschauer meinen teilweise: „Boah, so einen Lehrer hätte ich auch gern” - oder das Gegenteil. Die Leute übertragen die Charaktere also durchaus in die Realität.
Am 14. 10. 2009 im „Schwäbischen Tagblatt”
Hier kommt alles auf den Tisch
VON FABIAN ZIEHE
„Twelve angry men” lautet der Originaltitel eines Kultfilms - zu deutsch, mäßig gelungen, in „Die zwölf Geschworenen” übersetzt. Denn „angry” verweist zugleich auf den Seelenhaushalt der Geschworenen, die in dem Streifen über einen jungen Mann zu Gericht sitzen. Eine ähnlich psychologisch delikate Situation zeichnet „Lehrernacht” von Bodo Kirchhoff nach.
Die Konfiguration des Kammerspiels erinnert an den Film - nur sind es nun neun statt zwölf „angry (wo)men”. Gerichtsaal ist das Lehrerzimmer, das mögliche Strafmaß Schulausschluss.
Die Jury ist ein Kollegium mit markanten Charakteren - so markant, dass sie knapp an Klischees vorbei schrammen: Etwa der tumbe Sportlehrer Graf („Porno-Graf”), die bissig-verbiesterte Rektorin („TseTse”) oder der schwule Philosophielehrer Dr. Branzger („Romi”).
Der Delinquent, der Oberstufenschüler Victor, trägt seinen Namen zurecht: Er ist ein Sieger-Typ. Einnehmend, sagen die einen, manipulierend, sagen die anderen. Vordergründig geht es um sein Schäferstündchen mit der Mitschülerin Tizia - oder war es doch eine Vergewaltigung? Hintergründig kommen die Seelenqualen in der werten Lehrerschaft zur Sprache - ein Feuerwerk an Outing, Lamento und Selbstreflexion. Gericht gehalten wird eigentlich über sich selbst - ein erprobtes und stets reizvolles Motiv.
Das Bühnenbild ist spartanisch: Türen sind angedeutet, der Hintergrund bleibt schwarz. Ein Porträt erinnerte an den Namen der Schule wie auch an den wiederholt rezitierten „Hyperion”: „Hölderlin-Gymnasium” - der Bezug zu Tübingen ist wohl nicht ganz unwillkommener Zufall.
Angelpunkt der Szenerie ist ein wuchtiger, trapezförmiger, fast dreieckiger Tisch. Geneigt zum Publikum bietet er Oberfläche und Transparenz: Hier kommt alles „auf den Tisch”. Konflikt, Wortgefecht, Störung, Anfeindung, Aussprache: Die Darsteller knüpfen ein komplexes kommunikatives Netz. Die Debatten zwischen Philosophielehrer Branzger (Hans Rommel) und Deutschlehrer Stern (Axel Kösters) weisen Witz wie Tiefgang aus. Traudel Gerstlauer als Rektorin Cornelia Cordes entwickelt gelungen die Rolle eines advocatus diaboli, der taktisch und manipulativ ans Werk geht. ...
So gab es keine nennenswerten Längen in den anderthalb Stunden Spielzeit. Die 80 Premierenbesucher zeigten sich amüsiert wie bewegt. Die Handlung glitt selten ins Banale ab. Doch bei aller Entwicklung überraschte das Stück am Ende nicht, in dubio pro reo? Mag sein. Doch: Wer war nun eigentlich angeklagt? Oder frei nach Dürrenmatt: Wer war Richter, wer Henker?
Pressestimmen zu "Black Comedy":
Am 20. 10. 2008 in der „Schwäbischen Zeitung”
Wenn Licht die Dunkelheit durchbricht
VON NUSRETA DZAFERI
... Zwischenmenschliche Beziehungen als komisch-satirisches Spiel mit Licht und Schatten, Sein und Schein, Hoffen und Bangen. Das ist der Boden, auf den sich das Theater „Katafalk” mit dieser Inszenierung bewegt. Mit „Black Comedy” wollte das Ensemble eine etwas leichtere Kost auf die Bühne bringen. Die Komödie ist eine von insgesamt acht Produktionen von „Katafalk”. Die Stücke sind gesellschaftskritisch, behandeln Gegenwartsprobleme. Nach „Top Dogs” und „King Kongs Töchter” schaffte es das Amateurtheater unter der Leitung von Bernd Köhler, das Laupheimer Publikum auch zum dritten Mal zu begeistern.
Am 13. 10. 2008 im „Schwäbischen Tagblatt”
Bei Lichte besehen
VON ALEXANDER WEMER
... Und dann das: Kurzschluss. „Dieser Abend wird eine vierkarätige, in Gold gefasste Katastrophe”, ahnt der mittellose Bohemien.
Dass eine solche den etwa 70 Zuschauern am Wochenende in der Sudhaus Peripherie freilich erspart blieb, lag am engagierten Spiel der Amateurtheatergruppe Katafalk und dem originellen Kunstgriff des Stücks, der seinem Autor dereinst selbst zum Durchbruch verhalf: während die schwarze Komödie in einer stockdunklen Wohnung spielt, ist die Bühne taghell erleuchtet. Ein dramatisches nomen est omen also und eine Umkehrung der Verhältnisse, in der die Darsteller zwischen falschem Licht und Dunkel hin und her tapsten und das Publikum jeden „Fehltritt” sah. Damit vollzog sich die von Bernd Köhler inszenierte Handlung in ansonsten vergnüglichem Klamauk, der sich mitunter leider etwas abnutzte und klischeehaft wirkte; manchmal aber auch voll ins Schwarze traf: in der stimmlichen Eigenart bei der Übertragung ins Deutsche legte Rudolf Renner den britischen Colonel Melkett mit herrlich preußischer Berliner Schnauze an, der die Situation stets auf den Punkt kläffte:
„Das Problem: Dunkelheit. Die Lösung: Licht. Die Waffen: Streichhölzer und Kerzen.” Szenenapplaus. Dass auch nicht alles saß an diesem Abend, verursachte höchstens Schmunzeln allerorts: beim Wiedersehen und Bettbalgen zwischen Brinsley und seiner unverhofft aufgetauchten Ex-Braut Clea (Bärbel Schwerdt) verrutschte den Darstellern schon mal die Perücke.
Dem Publikum gefiel die Rolle des Voyeurs, ermöglichte der Stromausfall neben Täuschungs- und Verwechslungsszenen doch auch die Auflösung von Brinsleys Lügengerüst, die Wahrheit über den „schicken Blender” (Clea). Schließlich wird die Frage, ob es auf dem Weg zum kommerziellen Erfolg nicht ein wahres Künstlerleben im Falschen gibt, so verrechnet: Was hinter der Marketing-Maskerade steckt, ist und bleibt grotesk. Das Licht geht aus. Begeisterter Beifall.
Pressestimmen zu "King Kongs Töchter":
Am 21. 6. 2007 in der "Schwäbischen Zeitung"
„King Kongs Töchter“ wüten im Altenheim
... Das Stück handelt vom trostlosen Dasein alter Menschen im Seniorenheim und von ihren Pflegerinnen. Trotz aller Groteske ist die Inszenierung erschreckend realitätsnah und bereitet dem Zuschauer mitunter zwiespältige Gefühle. Und doch konnte das Laupheimer Publikum herzhaft lachen und bedachte die Akteure am Ende mit lang anhaltendem Applaus.
... Mit dem Stück Theresia Walsers hat sich das Schauspielensemble des Theater Katafalk kontroverse Kost ausgesucht. Rudolf Renner, Traudel Gerstlauer und Waltraut Balmer erschrecken durch ihre unglaubliche Hemmungslosigkeit und geben somit eine klasse Besetzung für „King Kongs Töchter“ ab. Wie gut, dass man immer wieder über den pechschwarzen Humor lachen kann, ohne den die Thematik viel zu bedrückend wäre. Unterhaltsam sind ohne Frage die „Macken“ der alten Herrschaften. Frau Albert etwa erkennt nicht einmal mehr ihren Ehemann, stellt aber immer aufs Neue bezeichnend fest: „Es ist schon wieder nach vier, schon wieder rollt einem Tag der Kopf herunter.“ Dann wäre da Frau Greti (schön nervig und penetrant: Bärbel Schwerdt), die jedem, ob er es nun wissen will oder nicht, die intimsten Details ihres Lebens preisgibt. Und zu guter Letzt Herrn Nübel brillant verkörpert von Didier Schniegel ...
Gut besetzt und mit Hingabe gespielt bleibt der Inhalt des Stücks eine Frage des persönlichen Geschmacks. Für Freunde des schwarzen Humors ein Freudenfest; für andere vielleicht nicht.
Am 7. 5. 2007 im "Reutlinger General-Anzeiger"
Schöner Sterben
VON MICHAEL MERKLE
... Als siebte Produktion brachte das Amateurtheater Katafalk am Samstagabend ihr Stück »King Kongs Töchter« auf die Bühne -- trotz der Grundtendenz zur Komödie extrem schwere, unverdauliche Kost. Ein groteskes Werk, das letztlich nachdenklich und traurig macht. Das Publikum würdigte die ideenreiche Inszenierung von Bernd Köhler jedenfalls mit reichlich Applaus.
Keinerlei Illusionen mehr
Die Altenpflegerinnen Carla (Traudel Gerstlauer) und Berta (Waltraud Balmer) und ihr Kollege Megg (Rudolf Renner) haben keine Illusionen mehr über ihren Beruf. Sie reden unwahrscheinlich abgeklärt über ihr Klientel, trinken zwischendurch harte Sachen. Megg wünscht sich »mehr Blut als Scheiße« und fragt sich später. ob das überhaupt ein Beruf ist.
Die drei Pflegekräfte sind Todesengel. »Der Tod ist ein Termin. Wir sind die Chefdisponentinnen.« Das Ableben wird als Spektakel inszeniert, die Todesszenen großer Stars werden schaurig-komisch nachgestellt. Der rabenschwarze Humor ist bitter wie der verabreichte Giftcocktail. Eine moralisch-ethische Gratwanderung.
Die Alten, die nicht sterben wollen, pendeln quasi in einer Endlosschleife zwischen einem unpersönlichen Essenssaal und ihren Zimmern: Herr Albert (Hans Rommel) und seine Frau Hilde (Gabriele Stillings), Herr Nübel (Didier Schniegel) und Herr Pott (Benn Kobler) sowie Greti (Bärbel Schwerdt) und Frau Tormann (Myriam Meyer).
Die eigene Suppe auslöffeln
Es wird geseufzt, gehustet, gemurmelt, gesabbert, gelabert. Die eine hat einen Sohn, der nur über Tonbänder mit ihr spricht, der andere seine Erinnerungen. lnkontinenz, verdrängte Sexualität, Schlaflosigkeit. Immerhin funktioniert das Prinzip Essen noch. Alle löffeln ihre Suppe aus. Hilde beschreibt das Leben mehrfach so: »Es ist schon wieder nach vier, schon wieder rollt einem Tag der Kopf runter.« Das Endspiel der Alten ist gelungen, die Überzeichnung macht es erträglich. Die doppelbödigen Dialoge werden gelebt. Alle Figuren sind Individuen geblieben, haben ihre Geschichte.
Alle wiederholen sich. Auch Weltenbummler Rolfi (Axel Kösters) kann das absurde Leben nur kurz auf den Kopf stellen. Immer wieder sind klasse schauspielerische Leistungen zu sehen. Die Nacht, auf die sich das Stück ausdehnt, sind im Theater drei lange Stunden, manche Sequenzen ziehen sich quälend. Das würdelose Warten wird spürbar. Gelungen ist die umgesetzte Idee, eine kleine Puppen-Bühne als Bühne auf der Bühne einzuführen. »Der Schlaf ist wie immer ohne Gewähr«, heißt es am Schluss. Jede Nacht ist ja aber eine Chance. Abkratzen mit Glamour. (GEA)
TÜBINGEN (dhe). Ob jemand sie einmal vermissen wird (die Zeiten könnten sich ja ändern)? Das Winner-Lächeln, die gespannt aufrechte Haltung, die irgendwie über die eigene Körpergröße hinausweisen will, der geradeaus in die Ferne gerichtete „Horizontblick“ überm Nadelstreifenanzug beziehungsweise Business-Kostüm? Noch sind sie so eine Art physiognomische Insignien des Erfolgs, und das „Meeting“, in dem sich das Theater Katafalk am Wochenende auf der Sudhaus-Bühne zeigte, schien nur so zu sprühen vor Adrenalin.
Fitness-Training für Top-Leute
Nur das Wort “Outplacement” irritiert in der elegant-minimalistischen Geschäftsatmosphäre zwischen schwarzem Leder, Chrom und Glastisch. Es wird von der dauerlächelnden blonden Frau Wrage (geschmeidig-geschäftsmäßig: Bärbel Schwerdt) in die Runde geworfen, die ihr Business-Englisch in einem internationalen Bankhaus gelernt hat. Schließlich geht es in Urs Widmers Stück „Top Dogs“ um die Arbeitslosen ganz oben. Im Zuge der Globalisierung überflüssig gewordene -- also geschasste -- Topmanager sollen von der New Challenge Company NCC für neue Aufgaben fit gemacht werden.
Wrage ist Beraterin bei der NCC. Auch sie hat ihren Absturz hinter sich. Ihr früherer Job als Analystin bei der Chase Manhattan Bank dürfte entschieden mehr Prestige gehabt haben. Wie genau sie sich aus eigener Erfahrung in ihre Schützlinge hineinversetzen kann, erfahren die rund 100 Zuschauer bei der Premiere am Samstag erst einige bitterböse Rollenspiele später. In denen sieht man Bihler, Tschudi, Neuenschwander und Krause ihre Kündigungen nachspielen samt den privaten Begleitumständen zu Hause.
So stellen etwa Bihler und Tschudi Bihlers Entlassung nach. Bihler ist der Chef, Tschudi spielt Bihler. Da ist schon ohne Worte ziemlich entlarvend, wer wem die Krücke hält. Ganz abgesehen von dem Frust, den die Rausgekickten sonst mit sich selbst abmachen dürfen. „Dass die über 50-Jährigen zu teuer sind. Und dass man sie schon gar nicht mehr nimmt, wenn sie unter ihren Preis gehen.“ Klar, dass Frau Müller mit dieser k.o.-Einstellung nicht die erste ist, die wieder eine Stelle findet.
Nur nicht wählerisch sein
Diesen Triumph kann sich Frau Jenkins anheften. Auch wenn es nicht New York wird, sondern eine südkoreanische Provinzstadt, irgendwo in der Nähe der Grenze zu Nordkorea. „Asien stand zwar nicht auf meinem Lebensplan (...)“, aber da darf sie nicht so heikel sein.
Die so rasant wie bitterböse inszenierten „Top Dogs“ dürften eins der Glanzstücke in der Geschichte des Ensembles Katafalk sein. In ihm spielen drei Frauen und fünf Männer aus der Region Reutlingen-Tübingen seit inzwischen zehn Jahren unter der Regie des Schauspielers, Regisseurs und Theaterspielers Bernd Köhler Theater.
Am 14. 3. 2006 in der "SCHWÄBISCHEN ZEITUNG"
Die Entlassung demütigt auch die Oberen
... Nicht nur „Underdogs“, Arbeitnehmer in untergeordneten Positionen, erleiden das Schicksal, arbeitslos zu werden; auch „Top Dogs“ Top-Manager sind davon betroffen. In einem „Wiederaufbereitungsseminar“ der New Challenge Company (NCC) sollen sie, die Wegrationalisierten beziehungsweise Überflüssigen, für neue Aufgaben fit gemacht werden.
Frau Wrage (Bärbel Schwerdt), einst in einer Spitzenposition bei der Chase Manhattan Bank tätig, fungiert nunmehr als Beraterin bei der NCC. Sie macht die Teilnehmenden mit einem neuen Gruppenmitglied bekannt: Herr Deér (Didier Schniegel) erfährt von ihr, dass er von der Swissair entlassen und durch einen Jüngeren ersetzt wurde. Er will es nicht wahrhaben, da er sich für unersetzlich hält.
Im Grunde werden aber alle Business-dressed wie gewohnt nicht mit ihrer neuen Situation fertig. Frau Müller (Gabriele Stillings) hat scheinbar keine Probleme damit; ihr Mann dagegen musste in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden. Herr Neuenschwander (Rudolf Renner) klammert sich an seinen am Entlassungstag erworbenen Porsche 911, den er jedoch nicht fährt, sondern nur in der Garage aufheulen lässt. Und Frau Wrage schwärmt von einem dreiwöchigen Fünf-Sterne-Urlaub in der Karibik, den sie anschließend in vollen Zügen genossen habe, aber in Wirklichkeit wie eine Gefängnisstrafe auf dem Zimmer absaß. Herr Tschudi (Axel Kösters) fand angeblich Halt in seiner Familie, während Herr Krause (Benn Kobler) immer noch nicht fassen kann, dass ihn sein Chef, mit dem ihn doch ein fast freundschaftliches Verhältnis verband, fallengelassen hat.
Während an der Körperhaltung gearbeitet wird, bei deren Training die Kandidaten auf groteske Weise verbogen werden, eskalieren die bis dahin hinter einer bröckeligen Fassade kaschierten Gefühle im Rollenspiel. Auch ehemaligen Top-Managern fällt es nicht leicht, den Verlust von Ehepartner, Kind und Prestige zu verkraften. Eine Entlassung ist eben demütigend. Man gewinnt jedoch den Eindruck, dass sich keiner der Seminaristen selbst um einen neuen Job kümmert. Wie erstarrt warten sie offensichtlich darauf, attraktive oder angemessene Angebote zu erhalten und wieder in die Reihen der Höchsten aufgenommen zu werden. Immerhin: Frau Jenkins kann sich über eine neue Tätigkeit in Korea freuen. Korea entspricht zwar nicht ihrem Lebensplan, aber sie ist wieder wer. Die übrigen ehemaligen „Top Dogs“ bleiben mitsamt dem Neuzugang Dr. Lux (Ulli Bost) als „arme Hunde“ im Schulungskarussell zurück.
Ein beeindruckendes Stück, das engagiert, mit Humor und überzeugend dargeboten wurde, und dessen Gehalt durch das minimalistische, in Schwarz-Weiß gehaltene Bühnenbild einen weiteren Vermittler fand. Das Publikum dankte den Schauspielern mit lang anhaftendem, begeistertem Applaus.
Die einen vergraben sich in ihren Büros, die anderen haben sich irgendwo am Rand eingerichtet. Aber einen Ort gibt es noch, an dem sie alle zusammen kommen -- Verrückte und Angepasste, Unscheinbare und Durchgeknallte -- es ist der Supermarkt. So mag es sich die Autorin Ingrid Lausund, Jahrgang 1965, bei ihrem Stück „Hysterikon“ gedacht haben. Am Samstagabend war Premiere des Theaters Katafalk im Sudhaus.
So viele Typen mit einer Macke brauchen natürlich jemand, der ihre verqueren Geschichten zusammenhält. Beim Theater Katafalk ist es diesmal der Kassierer. Im weißen Kittel, mit Laptop oder Klemmbrett, scheint er unerbittlich das Leben seiner Kundschaft zu bilanzieren. Seelendoktor und Conférencier, Lebensregisseur und mahnender Gevatter Tod in einem? ...
Dabei kommt das Stück wie eine Revue daher. Eine Revue, die die alltäglichen Bizarrerien nur ein klein wenig auf die Spitze treibt. Die Begleitmusik jodelt dazu, aber nur ganz dezent. Gelegentlich bleibt einem das Lachen in der Kehle stecken. „Manchmal siehst du dich selbst drin“, murmelt eine Besucherin ihrem Nebenmann zu. ...
Am 17. 2. 2005 im "Reutlinger Generalanzeiger"
Ein Supermarkt des Lebens
Der Supermarkt als Sinnbild für die Welt als solche, das ist das Thema von „Hysterikon“. Das irgendwo zwischen Theater und Kabarett angesiedelte Stück von Ingrid Lausund hat nun Bernd Köhler mit dem Theater Katafalk inszeniert ...
Das Licht geht an, Jodelmusik dudelt und der Kassierer (Rudolf Renner) stimmt die Zuschauer auf die Welt der Konservenregale und Tiefkühltruhen ein. Er ist dabei so forsch selbstbewusst wie der Heizdecken-Anpreiser bei der Kaffeefahrt und hat auch allen Grund dazu, denn er ist der liebe Gott in seinem Reich. In diesem gibt es neben Erbsen und Tomaten auch Träume und Identitäten zu kaufen, und abgerechnet wird nicht nur mit Geld, sondern auch mit Liebe, Gefühlen und Lebenspunkten ...
Da ist der Neurotiker (Axel Kösters), der sich immer wieder durch Schreckensnachrichten aus der Bahn werfen lässt; das Afro-Mädchen (Iris Nullmeier), das sich nicht entscheiden kann, welchen Jogurt es kaufen und was es sonst in seinem Leben anfangen will; das Yuppie-Pärchen (Didier Schniegel, Traudel Gerstlauer), das an gepflegter Langeweile zugrunde geht; der mörderische Moralist (Hans Rommel); der Pensionär, der so gerne ein Seemann wär (Benn Kobler) und die aufdringlich um ihre Mitmenschen besorgte Ökotante (Bärbel Schwerdt). Auf sie wartet zwischen Pizza und Wurst eine käufliche Dame in der Tiefkühltruhe (Gabriele Stillings) und auch sonst hat diese Supermarktwelt die Eigenschaft, die Wünsche der Einkäufer nach außen zu kehren, was zu skurriler Situationskomik führt.
Die Typen werden von der Darstellern mit viel Liebe gezeichnet. Auf der fast leeren Bühne entfaltet sich so mit minimalen Requisiten ein humoristisches Panorama von Episoden, das immer wieder durch nachdenkliche oder melancholische Einwürfe in der Balance gehalten wird. Alles in allem ein unterhaltsamer Abend nicht nur für Supermarkt-Fans.
Am 14.10.2003 in der Südwest-Presse
Die Wainer "Lindenstraße"
... Zum Zwischenspiel treffen sich die Akteure, alles mehr oder minder gescheiterte Existenzen, regelmäßig in der Kneipe... Und Jekko (Axel Kösters) serviert mit Baskenmütze den Ouzo. Die neugierige Hausmeisterin ... lässt Regisseur Bernd Köhler als moderne Kassandra (sehr intensiv: Traudel Gerstlauer) durch das Gebäude irrlichtern und ihre schrecklichen Prophezeiungen aussprechen. Der Arzt aus dem ersten Stock (Hans Rommel) hat eine drogensüchtige Tochter (Bärbel Schwerdt), für die er den Studenten Berthold (Rudolf Renner) als personifiziertes Rehabilitationsprogramm ausguckt.
Aber in erster Linie geht es in Reinshagens Drama und Köhlers Inszenierung natürlich um die Rächerin der antiken Mythologie, der verlassenen Medea, die schließlich ihren beiden Kindern den Gashahn aufdreht. Gabriele Stillings spielt diese verzweifelte Janna, die zwischen Mitleid, Hinwendung, Anspruch auf Glück und Selbstverwirklichung zerbricht, glaubhaft und lässt sie außerdem als eine Art moderne Johanna von Orleans erscheinen. Der Jason der Moderne heißt bei Gerlind Reinshagen Wolf, ist arbeitslos und desillusioniert. Benn Kobler spielt diese zwischen triefendem Selbstmitleid und Männlichkeitspose schwankende Spezies Mann grandios, mit praller Körperlichkeit. Seine Dialoge mit Janna und Berthold, seinem potentiellen Nachfolger, gehören zu den Höhepunkten des Stückes. Denn gerade Rudolf Renner verfügt über ähnliche Präsenz und Sprachgewalt wie Kobler ...
Gewiss ein harter Brocken, den das Publikum in Schäfers Kulturstadel da serviert bekam, zumal die Reinshagen-Texte doch rech kryptisch und mehrdeutig sind. Doch den tollen schauspielerischen Leistungen aller Akteure (in den weiteren Rollen: Gertrud Hermle-Magg und Margret Greiner) zollte das Wainer Publikum uneingeschränkt Anerkennung.
Am 13.10.2003 in der Schwäbischen Zeitung
Tragödie im Mietshaus
Mit einer altgriechischen Tragödie nach „Medeia“ von Euripides überraschte die ... Theatergruppe „Katafalk“ am Samstagabend die Gäste von Schäfers Kulturstadel.
... Janna und Wolf leben sich auseinander, weil sie Arbeit und Erfolg hat und sie sich nicht in die Hausfrauenrolle fügt, während er sich arbeitslos im Unterhemd am Küchentisch gehen lässt, denn „erst der Mensch ohne Arbeit ist wirklich Mensch Mensch pur sozusagen“.
In dem Mietshaus mit der grünen Tür läuft vieles aus dem Ruder der bürgerlichen Ordnung. Wolf versucht es noch einmal mit Paula, seiner früheren Geliebten. Janna entdeckt ihr Herz für Berthold, den Studenten im Dachgeschoss. Den hat der Arzt aber schon als Lebensretter und Lebenspartner für seine drogensüchtige Tochter Esther eingekauft...
Sparsam war das Bühnenbild bei dieser Inszenierung und die kurzen Akte waren auf das Wesentliche reduziert. Die neun Akteure vom Theater „Katafalk“ um Regisseur Bernd Köhler stellten mit ihrem Stück hohe Ansprüche an die Kenntnisse der Zuschauer, die zuletzt mit langem, verdientem Applaus ihre Leistungen honorierten.
Auch in der Rottenburger "Zehntscheuer" am Samstag und im Reutlinger "Haus der Jugend" ging der Tango am Sonntag ... gut besucht und beklatscht über die Bühne. ... Was "Katafalk", eine Gruppe theaterbegeisterter Amateure und Spielleiter aus der Region, da auf die Bretter gestellt hat, erwies sich nämlich als überraschend aktuell.
...die Parallelen sind ohnedies offenkundig: Alt-68er, im weiteren Sinne also die heutige Gesellschaft und einer ihrer Sprösslinge. Auch für die gilt eben gelegentlich: "Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben."
Das Schöne an dieser Inszenierung ist, dass dieser Bezug nicht vereindeutigt wird. Es bleibt ein zeitloser, eigengrotesker Kunstraum, der aber --- in Wort und Kostüm --- Insignien verschiedener Welten enthält...
Aus dem Ensemble müssen vor allem Benn Kobler als trotteliger, opportunistischer Onkel Eugen, Axel Kösters als pantoffeliger Stomil und Hans Rommel als Edek genannt werden. Wie Letzterer seinen lauernden Primitivo-Charme in eisige Brutalität kippt, ist höchst bewundernswert. Was in dieser ansehnlichen Inszenierung aber wirklich in seinen Bann zieht, ist Rudolf Renners bleicher Artur, wie er zwischen tonlos verstörten Sätzen und überschnappenden Kaskaden präzise umherirrt, und doch zwischendrin immer wieder mal wie der einzig Normale der ganzen Personage erscheint. Ein vielschichtiger Charakter, aus einem Guss gespielt. Solche Figuren sieht man sogar auf Profi-Bühnen selten. Auch in der Rottenburger "Zehntscheuer" am Samstag und im Reutlinger "Haus der Jugend" ging der Tango am Sonntag ... gut besucht und beklatscht über die Bühne. ... Was "Katafalk", eine Gruppe theaterbegeisterter Amateure und Spielleiter aus der Region, da auf die Bretter gestellt hat, erwies sich nämlich als überraschend aktuell.